Mit "Giotto" nach Norden (two men in a boat)
Dirk Steinebach / Stephan Brunnert
Einführung
Eigentlich stand es bereits im Januar fest: "Wir machen einen Herrentörn. Ohne Familie und ohne Kinder! Kein Geschrei über spritzende Wellen und abends im Hafen ein gepflegtes Bierchen." Wann dies sein sollte, war zwar noch nicht ganz klar, aber September schien ein Monat ohne große Verpflichtungen zu werden. Urlaub war vorbei, Feste standen nicht mehr an und beruflich schien es regelbar zu sein. Das Wetter spielt in der Regel auch nicht mehr verrückt, wenngleich die Temperaturen deutlich geringer sind als im August. Dass dies letztlich nicht stimmen würde, konnten wir nach dem heißen April nicht ahnen. Wo und wie blieb lange ein Rätsel. Irgendwo dort, wo es nicht regnet, das war klar. Aber wo? Holland? Müritz? - Oder doch Bodensee? Und mit welchem Boot? Alle Fragen blieben erst einmal offen nach dem Motto: "Lass mal kommen – dann sehen wir klarer!"
Dirk drängelte zwar immer wieder, denn er ist nun mal ein Freund von ergebnissicheren Aussichten und je näher der Termin rückte um so mehr juckte es ihn nach einer verlässlichen Aussage. Dann kam uns die Planung der Astro-Gruppe zu Hilfe. Mitte September sollte ein Praxistörn auf der Ostsee stattfinden. Mit einem großen Schiff, auf dem man sicher auf Deck stehen und den Sextanten zielsicher auf die Sonne richten kann. Dort musste ich zumindest dabei sein! Klar, nach den vielen Wochen der Paukerei über die Deklination, das Azimut mit den zahlengespickten Stundentafeln. Ein großes Schiff mit 9 Schlafplätzen und einem geräumigen Deck hatte die westfälische – holsteinische Seglervereinigung. Das liegt in Ortmühle bei Heiligenhafen und trägt den verheißungsvollen Namen "Taipan" also "Großer Führer". Dort musste ich also am Freitag, dem 14.September an Bord sein, um den flüssigen Teil des Proviants sicher in der Bilge zu verstauen.
Was lag also näher, als sich dort seglerisch einzufinden - mit einem Boot. Der Sommerurlaub in den Bergen, der heuer, auf vielfachen Wunsch der Besten aller Ehefrauen, stattfinden musste, das miese Sommerwetter und verschiedene familiäre Verpflichtungen hatten meine Arbeit bei der Umgestaltung der "mine – sine" nicht so recht voranbringen können, so dass wir uns kurzerhand für den "Giotto" entschieden - das Boot, mit dem sich einer von unseren ehemaligen Vorsitzenden irgendwann mal auf die "Aasee" wagen wollte.
Das Boot
"Giotto" ist eine Wanderjolle (Typ: Gipsy Star) aus dem Hause Gruben am Bodensee. 5,20 m in der Länge und mit einem herrlich großen Stauraum im Bug sowie einer Motoraufhängung und einer Badeleiter am Heckstaukasten. Neben dem anhängenden Motor von 3,5 PS besteht die technische Ausrüstung dieses stäbigen Bootes vor allem in einer gut erreichbaren Rollfock und einem kleinen kardarnisch aufgehängten Marschkompass. Ansonsten ist das Teil ziemlich spartanisch und unterscheidet sich vom "Laser" vor allem durch die Höhe seiner Auftriebskörper, was eine deutlich angenehmere Sitzposition für uns gereifte Familienväter erlaubt.
Der Plan
Es ist klar, dass man, um ein Abenteuer zu erleben, nicht zwingend mit einem so kleinen Boot die offene See aufsuchen muss. Trotzdem entschieden wir uns nach einigem Hin- und Her, die Landabdeckung Holsteins gegenüber der Mecklenburger Bucht zu nutzen, um von Lübeck aus Fehmarn zu erreichen. Zudem bot dieser Ausgangspunkt die formidable Möglichkeit, die erste Nacht nach der Anreise bequem beim Schwager, selbst ein erfahrener Segler, unterzuschlüpfen.
Die Routenplanung ergab sich dann wie von selbst:
Einslippen in Slutup – dann mindestens bis zum Priwall – weiter dann bis Niendorf oder Neustadt – hoch nach Grömitz – dann bis vor den Sund entweder bis Großenbrode oder einen anderen Hafen – danach durch den Sund bis nach Ortmühle oder bis Orth. Sofern dann noch Zeit bleibt, könnte man ja den einen oder anderen Hafen begucken, Burgstaaken zum Beispiel. Soweit die Planung, aber es kommt dann doch immer etwas anders! Ein Segelboot fährt halt eben nicht nach Fahrplan.
08.September 07
Nach langer Anfahrt durch zahlreiche Baustellen gelang es am Samstagabend im letzten Dämmerlicht, nach Anweisung des Wirtes des Schlutup`s Segelclub den "Giotto" zu wässern und einen Stellplatz für den Trailer und das Auto auf dessen Gelände zu vereinbaren. Als "Exoten" durften wir auch am Schwimmsteg der Anlage ohne Gebühr festmachen, so dass ein zügiges Aufrödeln und Verstauen der Ausrüstung am nächsten Morgen gesichert war. Nach einem preisgünstigen zünftigen Abendbrot in der Restauration der Anlage verabschiedeten wir uns mit der bangen Frage: "Schaffen wir`s auf die Ostsee bei dem strammen Wind?"
09.September 07
Am nächsten Morgen gingen uns - wohl ausgeruht - die letzten Takel- und Trimmarbeiten flott von der Hand. Dirks Unkenrufen zum Trotz nahm der Bugraum unser gesamtes Gepäck spielend auf, Dosen, Sprit und Anker fanden im gut erreichbaren Heckducht ebenfalls bequem Platz. Paddel, Karten und ein Handsack blieben in der Plicht während unser GPS als Handtacho einfach um den Hals baumelte und Halt zwischen Overall und Schwimmweste fand. Der Blick hinaus ins Holzwiek zeigte, dass die dort auslaufenden Kielyachten in Düsen zwischen den Hügeln doch bedenklich nach Steuerbord ausholten, während ein vorwitziger 420 – iger verzweifelt seinen Spie zu bergen versuchte. Also, ein Reff rein und gegenseitige Schwüre in die Hand auf das morgendliche Bad zugunsten der Ausrüstung zu verzichten.
Zunächst noch zaghaft, dann aber immer mehr Mut fassend glitten wir hinaus durch die Wieken in ständiger Kongruenz zum besagten 420-ger, der trotz geringeren Gewichtes uns nicht abzuschütteln vermochte. In der Pötenitzer Bucht wurden dann die Segel geborgen und mit dem vorgefertigten Vesper in der Hand liefen wir, mit klammen Herzen, zwischen den Finnjets und Fahrtenyachten durch den Priwall-Sund hinaus in die offene Ostsee.
Dort turnten auf moderaten Halbmeterwellen vor allem Kats, die nach vollendeter Regatta dem Hafen zustrebten. Dirks anfängliche Scheu wich einer großen Begeisterung für das Seesegeln, als er nicht nur entdeckte, wie gut unser Bötchen mit den Verhältnissen zurecht kam, sondern auch, dass er als Steuermann von seinem Vorschoter von dem nassen Wellenschlag hervorragend abgeschirmt wurde. Diese Situation weidlich auskostend kreuzten wir immer tiefer in die Neustädter Bucht bis sich kurz vor Sonnenuntergang mitten im Übungsgebiet für die U-Boote die Frage stellte: "Niendorf oder Neustadt?" Nach sorgfältiger Abschätzung aller Gegebenheiten entschieden wir uns für die sicherste Variante: Niendorf!
Der dortige Hafenmeister, ein fröhlicher Gemütsmensch vom Format eines Dirk Bachs, traute seinen Augen kaum, als wir um Liege- und Zeltplatz baten. "Wanderjollen hatte ich hier seit 20 Jahren nicht mehr!" Dennoch hatte er damit keine Probleme und auf der windabgeschirmten Holzterrasse des Vereins gab `s für uns nicht nur einen ebenen Zeltplatz, sondern im benachbarten Vereinshaus auch warme Duschen und ein üppiges Mahl für sagenhafte 5 Euro! Gut gestärkt krochen wir müde in unsere Schlafsäcke, beschäftigt nur mit der Frage: "Kommen wir morgen gut rüber nach Neustadt?".
10.September.07
In der Nacht bekamen wir Besuch! "Felix" überfiel uns. Er kam ganz leise. Eigentlich war alles ganz ruhig, während das Schlagen der Fallen im Hafen immer leiser wurde und wir immer tiefer in den Schlaf versanken. Doch plötzlich war er dann da: Zuerst ein leises Tap-Tap welches sich aber nach und nach in ein furioses Tap-Tap-Tap bis zu einem durchgehenden Rauschen steigerte. Alles wäre kein Problem gewesen, hätte nicht "Felix" auch noch den Wind verdreht und damit auch unser provisorisch verankertes Überzelt angehoben. So erwischte uns dieses unglückliche Tiefdruckgebiet mitten in der Nacht, während wir uns immer tiefer in die Penntüten einmummelten und hofften unbeschadet davon zu kommen.
Der Morgen begann mit Dirks Feststellung: "Morgen schlafe ich auf deiner Seite!" Der Regen hatte sein Fußende durchfeuchtet und auch einige andere Sachen wiesen eine feuchtigkeitsbedingte Farbvertiefung auf, obgleich der Regen deutlich abgenommen hatte. Das Gesamtausmaß des Wassereinbruchs ließ sich erst sich erst nach der Umgestaltung der schwach besuchten Sanitäranlagen durch die feuchte Ausrüstung feststellen. Immerhin erhielten wir so die Möglichkeiten unsere Habe wieder halbwegs in einen gebrauchsfähigen Zustand zurück zu versetzen, während wir, nach einem ausgiebigen Frühstück im Ort, unter dem Schleppdach des Hafenmeisterblockhauses die grauen Niederschlägen von "Felix" abwetterten.
Glücklicherweise erwies sich der nächtliche Besucher als recht flüchtiger Gesell, so dass wir schon gegen Mittag die letzten Wolkenwalzen abziehen sahen und wild entschlossen den klammen Krempel wieder einräumten. "Bis Neustadt schaffen wir`s bestimmt! Wenn wir nur unter Fock laufen und ansonsten können wir ja jederzeit stranden", so machten wir uns Mut.
Gesagt getan! Ein kräftiger Rückseitenwind aus Westen brachte uns mit 5,5 kn rasch gen Neustadt. Da wir uns stets am Ufer orientierten, wiesen uns auch die 6 Hochhäuser von Sierksdorf schnell den Weg in den Neustädter Rundhafen. Kleinere nasse Rückzugsgefechte seitens "Felix" steckten wir hohnlachend weg, wobei der Rum gefüllte Flachmann nach und nach einen hohleren Klang annahm.
Mittagspause im verwaisten Rundhafen. Die Hafenmeisterei wies auf einem Aushang auf die herrschende Wetterlage hin, wobei wir uns augenreibend bewusst wurden, dass wir soeben, laut Wetterbericht, bei 7 Bft. das Seegebiet mit einer Jolle durchquert hatten. Grund genug für ein ausgiebiges Mittagessen und ein erfrischendes Blondes. Das Zelt trocknete während dessen rasch an den Wanten des aufgestellten Signalmastens, an die der stetige Wind es ohne Klammern sicher ausgebreitet festhielt. Mutig geworden und nach ausgiebigen Konsultationen aller verfügbaren Karten beschlossen wir eine Weiterreise nach Grömitz unter Fock. Bei achterlichem Wind bis zum Peizerhaken und dann raumschots weiter müssten wir den Hafen doch bis zum Sonnenuntergang erreichen. Außerdem konnten wir, mit unserem Tiefgang, doch das Kap etwas schnippeln. Nur auf die Stellnetze mussten wir achten.
Flott ging’s raus. Die Ausrüstung windgetrocknet im geschützten Bugraum. Auf dem "Tacho" stets 5 – 6 Kn. Laut GPS sollten es sogar mal in der Spitze 7,5 sein. Und das nur unter Fock! Irre! Kaum ums Kap sehen wir schon Grömitz von weitem winken. Was soll noch schief gehen. Das wird ein langer Schlag. Kurz vor Grömitz wird der Himmel dann tiefblau während der Wind deutlich abebbt. Ein perfekter Segeltag, den "Giotto" als Großsegelschoner da hingelegt hat. Immerhin 16,3 Meilen schlagen zu Buche! Alles recht bequem, ohne kräftezehrendes Ausreiten.
Dann die Enttäuschung! Ein Schicki-Micky-Hafen. Mit breiter Uferpromenade für die Kurgäste. Kein kuscheliges Eck für ein Zelt von Jollenwanderern. Befremden beim Hafenmeister als wir ihm unser Anliegen vortragen. Ein Zelt? Die Frage ist genau so absurd wie die Frage nach einem Pappbecher im Hilton. Es passt einfach nicht ins Ambiente. Allerdings sind wir mit 5 Euro dabei. Für "Giotto"! Exakt nach Maßen vom Computer kalkuliert! Dazu gibt es den netten Tipp, sich an die Zimmervermittlung im Kurhaus zu wenden. Na klasse!
Die automatische Zimmervermittlung verweist uns an Olga! Gediegener Charme der 60 –iger Jahre. Die Vermieterin kommt extra mit ihrem "Kleinwagen" angereist und ist amüsiert und leicht befremdet als sie auf zwei Jollenwanderer trifft, die mit einem Six-Pack Bier und `ner Buddel Rum bei ihr einziehen wollen. "Aus Lübeck kommt ihr? Habt ihr überhaupt einen Segelschein?" Immerhin ist sie so freundlich, uns mit ihrem Kleinwagen (230 Mercedes mit Ledersitzen) zurück zum Hafen zu bringen, damit wir unseren Krempel von Bord holen können.
Zimmer im Halbkeller mit einer gewissen Anziehung für Mücken. Dirk durchturnt sofort den Raum und bereichert das Tapetenmuster um ein paar rote Farbtupfer, wenn er die blutgierigen Rüsseltiere erwischt. Immerhin ein festes Dach über dem Kopf mit einer warmen Dusche. Und Frühstück gibt’s auch. Herz, watt will´ste mehr. Mit der offenen Frage: "Schaffen wir den langen Schlag morgen bis Großenbrode? Bei dem steifen NW-Wind hinter Dahmeshöved!" hauen wir uns auf Ohr.
11.September.07
Am nächsten Morgen: typisches Rückseitenwetter, strahlender Sonnenschein, ablandiger Wind von NW geschätzt 4-5 Bft. Wasserfläche vor dem Hafen glatt mit kleinen Kräuselwellen. Beim Aufrödeln im Hafen werden unsere Erkenntnisse noch durch die Hinweise auslaufender Fischer ergänzt. Sie raten zur Eile, da sich wohl hinter Dahmeshöved, begünstigt durch den langen Fetsch, Meterwellen aufbauen. Also, wieder reffen – vorsichtshalber. Die Uferlinie ist weitgehend ein flacher Sandstrand, nur beim Kap vor Dahme gibt es ordentlich Steine. Hinter dem Ort soll es auch eine Schleuse geben, in die wir uns verziehen könnten. Campingplätze gibt es überall hinter den Dünen. Null Problemo!
Nach dem Auslaufen noch ein Blick zurück: Mist, da kommt eine dicke Wolkenbank vom Festland rüber! Trotzdem laufen wir Richtung Kap, nur um mal um die Ecke zu gucken. Umkehren können wir immer noch. Das Kap schnippelt Dirk so scharf, dass wir das Schwert vorsichtshalber halb hochholen. Ständig scheint der Meeresboden unwirklich klar vor unseren Augen. Wir haben Glück. In Lee vom Ufer sind die Wellen kaum einen halben Meter hoch und nur weiter draußen ist so etwas wie Seegang zu erkennen.
Nach Großenbrode müssen wir jedoch beständig aufkreuzen. Wenn wir dort noch vor Sonnenuntergang eintreffen wollen, brauchen wir lange Schläge. Mutig geworden durch die vergangenen Tage holen wir immer weiter aus und befinden uns bald im Fahrbereich der seegängigen Fahrtenyachten. Da sind die Wellen deutlich höher und "Giotto" steckt beim Hinabsurfen von den Wasserbergen schon mal seine Nase in die nächste Welle. In weiser Voraussicht haben wir uns beide gut eingepackt, so dass uns gelegentlich eine halb geflutete Plicht nicht aus der Ruhe bringen kann. Das läuft doch wieder ab! Dennoch orientieren wir uns zukünftig sicherheitshalter doch dichter am Ufer.
Mittagessen wollen wir auf der See abhalten. In Ufernähe gibt es zahlreiche Begrenzungsbojen für Badegäste. Einige darunter tragen auf dem Top eine Stange mit einer Öse. Also, warum den Anker werfen? Ein gekonnter Aufschießer und die Vorleine durchgesteckt, die an der Bugklampe rasch belegt wird. Fock einrollen und schon tanzen wir gemütlich auf den Wellen. Die vorgefertigten Brötchen mit gekühltem Flaschenbier sind nach dem Ritt eine gut sättigende Malzeit. Dirk entdeckt schnell, wie gut man die Flaschen im gerefften Segel abstellen kann. Praktisch, so was spart Flaschenhalter. Als Nachtisch soll es noch einen Manöverschluck Rum geben. Doch der Flachmann muss irgendwo eine Öffnung haben, denn er ist leer. Beim Auffüllen auf dem Wasser geht leider auch etwas daneben. - "Na gut, hoffentlich dankt es uns Rasmus."
Tatsächlich, je mehr wir uns der Fehmarnsund-Brücke nähern, umso mehr flaut der Wind ab. In Höhe von Großenbrode können wir sogar ausreffen. Nach Burgstraaken sind es noch geschätzt maximal 5 Meilen und der Sonnenuntergang findet erst in 2 Stunden statt. Also machen wir es uns gemütlich und treiben ruhig durch das Sundfahrwasser auf die weite Burger Bucht zu. Dort schläft der Wind vollkommen ein, so dass uns der Jockel in den Hafen bringen muss.
Gerade noch rechtzeitig erreichen wir den Steg. Schnell geht’s auf die Suche nach dem Hafenmeister. "Was, ne Wanderjolle? Dafür bin ich nicht zuständig! Schaut mal, wo ihr was findet." Zum Glück stehen am Steg der Segelmacher und der Bootsbauer beim Klönschnack mit einem Bier zusammen. Für eine weitere Runde aus unserem Vorrat ist der Segelmacher gern bereit, uns auf dem Rasen hinter seiner Werkstatt zelten zu lassen. Den Duschen- und Kloschlüssel gibt er uns auch zu treuen Händen. Rückgabe morgen Früh in den Briefkasten, Ehrenwort. Die Bedienung in der "Haifisch Bar" soll an diesem Abend etwas übellaunig sein, aber im "Goldenen Anker" kriegt man was Anständiges zu essen. Frühstück gibt’s am besten in der Fischerkooperative. Damit wären ja alle Fragen geklärt. Offen bleibt für uns nur: "Was machen wir morgen? Wir liegen gut in der Zeit. Ortmühle ist nur noch einen Katzensprung von hier. Sollten wir noch eine Tour "Rund Fehmarn" wagen?"
12.September.07
Am nächsten Morgen ist der Himmel deutlich grauer. Der Wind hat wohl etwas zugelegt, was wir aber in Burgstaaken kaum merken. Erst mal rüber zum Fischereihafen und in die Kooperative, wo es zu halbwegs zivilen Preisen eine Mugg Kaffee und ein Fischfrühstück gibt. Danach trödeln wir noch ein bisschen herum und setzen uns mit der Frage nach einer Umrundung von Fehmarn auseinander. Karten haben wir nicht dabei und jollentaugliche sind auch nicht zu bekommen. Die Ostküste der Insel soll voll Steinen sein und an der Nordküste gibt es außer dem, für uns gesperrten, Hafen von Puttgarten keine geschützten Anlaufstellen, sondern bestenfalls nur offene Slipps und Sandstrände. Außerdem ist dort mit anderen widrigen Wind- und Wellenverhältnissen zu rechnen.
Nach einigem Hin- und Her beschließen wir erst einmal in Burgtiefe zu tanken und unsere Nasen durch den Brückenschlag zu stecken. Ständiger Gegenwind verleidet uns die Kreuzerei, so dass wir mit der ESSO-Fock erst einmal bis zur Belitz-Werft hochlaufen. Das war alles noch moderat, aber auf der anderen Seite mussten wir mit Wellen rechnen.
Das Werftgelände liegt gut gegen Winde aus West und Norden geschützt hinter der Auffahrtrampe der Sundbrücke. Der dortige Hafenmeister gestattet uns, nach lobenden Worten über seinen hölzernen Motorsegler, in seiner Laube eine ausgiebige Vesper einzunehmen. Mit Blick auf den Windsack oberhalb der Werft vor der Brücke erhielten wir die Auskunft, dass jenseits der Brücke die Windstärke wohl bei 4-5 Bft. liegen müsste und dass das Hinaufwehen des Sackendes auf den Aufwind am Damm zurückzuführen sei. Wir sollen nur sorgfällig auf die Steine um das Strukkamphuk achten. Ansonsten empfahl er uns warmen Herzens, sich von den Steilufern fernzuhalten.
Mit diesen guten Ratschlägen im Rücken motörten wir als los. Unter der Brücke durch, an deren südlichen Ende Kite - Surfer munter herumtoben. Soweit schien alles in bester Ordnung und die Landzunge von Flüggesand würde bestimmt auch die Wellen der Ostsee aus der Orther Bucht heraushalten. Doch dann kam alles sehr schnell. Hinter dem Kap von Strukkamphuk erkannten wir, dass wir einem Irrtum aufgesessen waren. Auch an den Weststränden Fehmarns wurde heftig gesurft! Schaumgekrönte Wellen trafen in langen Bahnen mit mehr als einem Meter Höhe auf die Küstenlinie. Zum Umdrehen blieb keine Zeit. Nur mit dem Motor gegenan lies sich das Boot von der Küste fernhalten. Das Problem war jedoch, dass der Sprit in dem kleinen Tank auf keinen Fall bis nach Orth reichen würde. Die Alternative war Lemkenhafen. Aber auch bis dort würde der Sprit kaum reichen.
Also, erst einmal weiter in die Bucht hinein. Als die Wellen etwas kleiner wurden, wagten wir die Fock auszurollen, um dann ein Stück des Weges aufzukreuzen. Doch bei aller Anstrengung waren die Schoten kaum zu halten. Mit halb flatternder Fock ritten wir weiter in die Bucht, während uns links und rechts mit ungläubigen Blicken die Surfer überholten. In der Höhe von Westerbergen wurde dann erneut der Motor angeworfen, um in Lee des vorgelagerten Warders den Anker zu werfen und aufzutanken.
Also, erst mal die Fock aufrollen, was bei dem Wind am Vorstak ein ordentliches Wuhling hinterließ. Dann den Anker raus. Leider ist dort der Grund derartig bewachsen, dass wir statt eines sicheren Halts uns nur mit einem schleifenden "Krauteisen" begnügen mussten. Mit so verminderter Fahrt trieb "Giotto" auf eine kleine Steininsel zu, während Dirk hastig den Tank befüllte. Kurz vor der Strandung gelang es ihm, unser Goldstück zu starten und uns aus der Gefahr zu buchsieren. Das Umrunden des Warders war nach dem Erlebten nur noch eine Kleinigkeit, obwohl ständig Wasser ins Cockpit schwappte.
In Lemkenhafen rieben sich die dort versammelten Segler die Augen. Während sie bei dem Wetter im Hafen verblieben waren, strebte jetzt, von See kommend, eine Wanderjolle mit zwei klitschnassen Kerlen der Pier neben dem Hafenmeisterbüro zu. Uns war erst mal alles egal. Hauptsache wieder festen Boden unter den Füßen und die Schwimmwesten runter. Vor dem Besuch des Büros stand zunächst ein Gang ins nahe Restaurant und die Bestellung heißer Cappuchinos auf dem Programm.
Die tageslichttaugliche, flotte Hafenmeisterin zeigte viel Verständnis mit uns nassen Tröpfen. Allerdings mussten wir zur Anlandung an einen passenden Liegeplatzes erst noch einmal raus. Der Vereinshafen hat dort nämlich einen separaten Zugang und einen ruhigen Liegeplatz in Lee der Mole war nur dort zu bekommen. Auch ein Zeltplatz wäre dort gleich neben dem Boot zu haben. Auf unsere Nachfrage hin gestattete sie uns sogar, im geräumigen Vereinsheim zu übernachten.
Nach einer ausgiebigen Dusche und einem üppigen Mal in der nahen Räucherkate zogen wir dann bei Dunkelheit in den Versammlungsraum des Vereins, um ihn zunächst mit unseren triefenden Segelklamotten, Luftmatratzen, Penntüten, Handtüchern sowie der Tageskleidung nebst nassen Socken neu zu dekorieren. Damit blieb uns der Zeltaufbau und unerwünschte überfallartige nächtliche Wetterumschwünge erspart.
Immerhin war der Raum gut ausgestattet, mit einer zuverlässigen Kaffeemaschine sowie einem erlauchten Frühstücksservice im Design und der Farbgebung der poppigen 70-iger Jahre. Eine gut sortierte Handbibliothek enthielt vor allem ein reiches Repertoire historischer Hafenhandbücher aus den 8o-iger Jahren, den Yachtpiloten bis 1995, einen Overschmidt von 1960! sowie eine Reihe Jugendbücher mit einer Themenbreite von Ponyreiten bis zu Makrameeanweisungen. Unsererseits blieb nur noch die Frage nach einer weiteren Sundüberquerung nach Ortmühle offen.
13.September 07
Das Beste an unserer neuen Unterkunft war der Frühstücksplatz. Eine Ecke des Vereinshauses war durch einen Rundbau erweitert und ganzflächig verglast worden. Der Blick führte hinaus in die Orther Bucht mit deren nördlichen Ufer, an dessen entferntem Ende gerade noch der Orther Kirchturm auszumachen war. Klar dass sich angesichts des Ambientes das Frühstück in die Länge zog. Danach galt es jedoch wieder aufzuklarieren, um eintreffende Vereinsmitglieder nicht abzuschrecken und den Ruf der münsterschen Hansa - Segler nicht vollends zu ruinieren.
Bewaffnet mit einem Anemometer ging’s dann hinaus auf die äußerste Spitze der Mole um sich dort das Wetter zu holen. Laut Hafenmeisterin sollte heute der harmloseste Tag der Woche sein. Ab Morgen, so ihre Aussage, gibt`s dann richtig Wind. Hatte ich am Vorabend nach der Ankunft im Hafen noch 12,5 m/sec gemessen, so zeigte das Gerät jetzt "schlappe" 9,5 m/sec. an. Der Blick durchs Glas deutete aber immer noch darauf hin, dass draußen zahlreiche Wellen mit Schaumkronen in den Sund liefen. Die Windrichtung stand unverändert auf NW. Der Himmel war bedeckt und nichts wies daraufhin, dass es bald aufklaren würde.
Was tun? Am Besten wäre es, einen Wetterpiloten hinauszuschicken um präzise Angaben über die Verhältnisse zu liefern. Gern erkläre sich eine Abendbekanntschaft, der Skipper der "Last Minuit" bereit, die vor Ort gewonnenen Eindrücke wahrlich – last minuit – per Handy vor unserem denkbaren Auslaufen zu übermitteln. Damit war zumindest erst mal Zeit gewonnen. Also, Kaffee trinken und abwarten. Dabei konnten wir in Ruhe das weitere Vorgehen überdenken.
Also, nach Ortmühle zu kommen, wäre vermutlich machbar, allerdings wohl nur zum Preis von nassen Klamotten. Und dann? Wo slippen wir "Giotto" aus? Hier in Lemkenhafen war eine hervorragende Slippanlage. Und wie gestalten wir das Abholen von Auto und Trailer?
Trotz der Ermutigungen und der positiven Wettermeldung seitens der "Last Minuit" stand dann doch für uns fest: Wir slippen morgen früh aus, Dirk fährt nach Münster, um den Geburtstag seiner Tochter Maike zu organisieren - jedoch nicht, ohne mich zuvor an der "Taipan" unserem Astro - Schiff zum Proviantieren abzuliefern.
Und überhaupt:
Am einem 13. sollte kein Schiff auslaufen - auch wenn es nur ein Donnerstag ist!
Daten:
Steuermann: Dirk Steinebach
Vorschoter. Stephan Brunnert
Fahrtenstrecke insgesamt lt.GPS: 63,9 nm
Strecke unter Segeln: ca. 53 nm
Strecke unter Motor. ca. 10 nm
Etmale:
1. Tag:15,6 nm
2. Tag: 16,3 nm
3. Tag 21,8 nm
4. Tag: 10,2 nm
Mittlere Geschwindigkeit: 4,5 Kn
Maximale Geschwindigkeit: 8,6 kn
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