Der Erdbeerfeldzug
Für gewöhnlich sind Hafenfeste ja eine nicht nur fröhliche, sondern mit fortschreitender Stunde auch recht anstrengende Angelegenheit, bei der man ebenfalls von Jugendlichen ein gewisses Maß an rechtschaffener Müdigkeit erwarten sollte. Nicht so jedoch in dieser schon einige Jahre zurückliegenden Festnacht, deren sommerliche Wärme so recht den Unternehmungsgeist unserer ausgelassenen Gruppe ankurbelte:
Da alle nach ausgiebigem Tanzen wieder "beerenhungrig" waren und zudem allgemein große Lust zum Bootfahren bestand, kam 0., unserem "Häuptling", schließlich die geniale Idee, beides zu verbinden: Eine Pirogen-Expedition die Wasser der Aa hinauf, um in den sagenhaften Erdbeer-Jagdgründen in der Nähe des alten Winterlagers etwas von dem gerade reifen, roten Gold zu ergattern. Geplant getan; voller Tatendurst und Erdbeerhunger bemannten wir das orangene Ruderboot als "Häuptlingsschiff" mit sechs und dazu als Kundschafterkanus fünf Optis mit je zwei Hansa-Kriegern und stachen in See.
Von einigen, die auszogen Erdbeeren zu finden! ![]()
Bis zur kleinen Brücke konnte mit den Optis noch gesegelt werden, doch dann mußten auch dort die Riggs abgebaut und die hölzernen Segel verwendet werden. Solange der Strom noch breit war, ging dies einigermaßen zügig vonstatten;
allerdings verengte sich dieser bald zu einem wilden Dschungelfluß mit abenteuerlichen Mäandern, was besonders die Paddelmannschaften im großen Boot vor schwierige Koordinationsaufgaben stellte und sie langsamer vorankommen ließ. Erschwerend kam hinzu, daß sowohl die Ufervegetation als auch die Wasserpflanzen immer üppiger wurden, und wir mehr als einmal im Gestrüpp steckenblieben. Mit vereinten Kräften gelang es aber jedesmal, wieder freizukommen und sich ein Stück weiter vorzuarbeiten. Besonders hervor tat sich dabei unser "Medizinmann" D., der uns dank seiner Survival-Erfahrungen ein ums andere Mal sicher um die wuchernden Mangroven lotste. Zu allen übrigen Widrigkeiten wurde unsere Expedition auch noch von Schwärmen gieriger Mücken überfallen, die nach Meinung unserer Fachleute sämtlich der Gattung der als besonders aggressiv geltenden westfälischen Erdbeerfiebermosquitos angehörten. Schließlich erreichten wir die berüchtigten Aafälle von Roxel. Vor diesem grandiosen Naturschauspiel glaubten wir zuerst, umkehren zu müssen, zu unüberwindlich schien uns das Betonwehr! Nach einigem Palaver faßten wir aber wieder Mut, und in einer beispiellosen Aktion gelang es, gemeinsam die Boote um den Wasserfall herum zu tragen und wieder zu Wasser zu lassen, wobei wir uns durch meterhohes, beinahe undurchdringliches Brennesseldickicht kämpfen mußten.
Nach dieser letzten Prüfung fehlte nur noch ein kurzes Stück, und wir erreichten endlich die ersehnten Gestade. Nachdem unsere Flotte sicher vertäut war, erklommen wir in geduckter Haltung die Böschung, um unseren Feldzug zu beginnen. Das Areal wurde zur Straße durch einen Zaun abgesperrt und war nur durch ein Tor zugänglich; um uns zu vergewissern, daß die Luft rein war, mußten wir zunächst die Lage peilen. Beim folgenden Ausschwärmen über das Erdbeerfeld war trotz freier Bahn nun bodennahes Kriechen angesagt, allerdings nicht aus Furcht vor Entdeckung, sondern weil nur so eine unserem Hunger angemessene, hurtige Ernte möglichst vieler Beeren möglich war.
Als bei den meisten eine weitere Erdbeeraufnahme verständlicher physiologischer Gründe wegen nicht mehr möglich war, wurde zum Rückzug geblasen. Mit vollen Bäuchen, erdbeerroten Fingern und infolge einer gewissen satten Trägheit etwas weniger auf der Hut als zuvor, machten wir uns paddelnd auf den Heimweg. Neben den schon bekannten Schwierigkeiten galt es jetzt aber, sich außerdem vor den gefürchtetsten Bestien des Aa-Deltas, den sog. gelbäugigen Aaseegatoren zu hüten. Diese nur hier vorkommenden Monster erreichten in diesen Stunden ihre höchste Jagdaktivität, und aus den Augenwinkeln sahen wir überall ihre unheimlich glühenden Augen lauernd über die Wasserlinsen lugen;
dabei konnten wir uns des unguten Gefühls nicht erwehren, daß sie uns ständig hungrig und abwartend beobachteten.
Die wilden Abenteuer der SHM-Jugend ![]()
Die Flucht eines Frosches vor diesen Ungetümen war es schließlich auch, die uns zum lustigsten und für mindestens ein Mädchen unvergeßlichsten Erlebnis der Heimreise verhalf. Das freche Amphibium hüpfte nämlich geradewegs und ohne zu zögern, asylerheischend unserer Prinzessin J. in den Schoß, die zusammen mit A.-L einen der Optis besetzte. Nach dem ersten Schreck und Schrei wurde J.'s unverhoffter Gast von unseren Fachleuten sogar als einer der überaus seltenen, goldbäuchigen Aaquellen-Zauberfrösche erkannt.
Trotz der Begeisterung der Mädchen und unserer gemeinsamen Fürsprache ließ sich J. aber partout nicht erweichen, die von allen Experten in einem solch delikaten Fall empfohlene Handlungsweise anzuwenden, - nämlich den Frosch auf den Mund zu küssen!
Also mußten wir unseren Zauberfrosch nach überstandener Gefahr leider unverwandelt wieder hüpfen lassen. (Schade, schade, J.! Was mag Dir da wohl entgangen sein?!?). Als wir lange nach Mitternacht satt und endlich müde wieder den heimatlichen Hansa-Hafen erreichten, waren wir uns allerdings einig, daß bei der eigentlich durchaus erfolgreichen Unternehmung eine Zutat gefehlt hatte, durch die unser Erdbeerschmaus wahrlich in ein Festmahl verwandelt worden wäre:
Die Schlagsahne!!!:
Philipp Meurer