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SEGELCLUB HANSA MÜNSTER e.V.
Sport - Fahrtensegeln
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Wolfgang Horn

LONDON 2004

Vom Ijsselmeer zur Tower Bridge

Start in Stavoren: Endlich gehen im Vorhafen der Johan-Friso-Sluis die Segel hoch zum Sommertörn. London - das ist 2004 das Ziel unserer Seestern-Crew. Und wir haben Respekt vor der eigenen Reiseplanung: Noch nie haben wir einen Törn so intensiv vorbereitet, uns vorher ganz im Detail mit jedem einzelnen geplanten Schlag vertraut gemacht, mit Tiden und Bänken, dem Verkehrstrennungsgebiet und der Zeitrechnung. Die Karten der britischen Admiralität lagen seit dem Frühjahr in unserem Wohnzimmer, Handbücher wie „Reeds Nautical Almanac“, die „Bibel“ der Englandsegler, schon viel länger. Wir kennen die „Sea Reach“-Tonnen der Themsemündung und die Tücken des Horse-Channel - aber eben nur auf dem Papier. Jetzt wollen wir ausprobieren, wie das alles in der Praxis aussieht.

Längere Sommertörns sind unserer Familiencrew seit 2000 vertraut. Ob Bornholm und die schwedische Südküste, die ost- und nordfriesischen Inseln, die Westschären bis hoch an die norwegische Grenze - das alles hat uns in den vergangenen Jahren begeistert. In guter Erinnerung auch die früheren ausgedehnten Touren mit dem hölzernen Jollenkreuzer durch Holland, an die Ostseeküste bis in den Kleinen Belt, rund um Hiddensee oder den Bodensee.
Aber wir wollen unseren Kindern (Maren ist dieses Jahr 15, Oliver 13 Jahre alt) nicht nur Küsten und Kanäle zeigen. Aus dieser Überlegung entstand schon vor anderthalb Jahren die Idee, die britische Hauptstadt mit dem eigenen Boot zu besuchen. Neuland für die Jungen, Wiedersehensfreude für die Alten, deren früheste Erinnerung an London schon fast 30 Jahre zurück liegt. Kein Törn für Meilenfresser ist geplant, sondern zügiges Segeln entlang der niederlän-dischen, belgischen, französischen und britischen Küste mit dem Ziel, zwei Wochen Zeit für London zu haben. St. Katherine's Haven, der komfortable Yachthafen im Schatten der Tower Bridge, ist vorgewarnt. Wir kommen!

Start in Stavoren

Stirnrunzeln hatte in den Frühsommerwochen lediglich das Wetter hervorgerufen. Kein stabiles Hoch in Sicht, häufig Wind aus Südwest - so hatten wir uns das natürlich nicht vorgestellt. Aber als die Segel hochgehen, hellen sich die Mienen auf: Gut segelbarer Wind aus Nordwest, am Nachmittag sogar Sonne. Da „fliegt“ die SEESTERN über das Ijsselmeer, passiert bei Enkhuizen die neue Krabbersgatsluis, überquert das Markermeer, lässt Hoorn und den Leuchtturm von Marken steuerbord liegen, um in Durgerdam einen kleinen, gut organisierten Vereinshafen kennen zu lernen. Nach den ersten 40 Meilen können wir festhalten: Traumhaftes Segeln, ein toller Start.

Von diesen Eindrücken müssen wir am nächsten Tag weiter zehren, denn die Sonne ist vielen Wolken gewichen, vom Wind nicht viel übrig geblieben. Nachdem wir die Oranjesluizen und die Innenstadt von Amsterdam passiert haben, kommt auch noch Regen dazu. Tristes Grau prägt den Weg nach Ijmuiden, aber die Seaport Marina und ein kleiner Strandbummel zwischen Drachen und Musikanten entschädigt dafür. In zwei Fahrtagen haben wir die Nordseeküste Hollands erreicht - jetzt kann es losgehen. Die Tide verschafft uns einen gemütlichen Start am Nachmittag. Gemeinsam mit einem mäßigen nördlichen Wind bringt sie uns ohne Probleme nach Scheveningen. Hier ist Päckchenliegen angesagt, die Umgebung empfinden wir als eher unwirtlich.

Am nächsten Tag queren wir vor Rotterdam den Nieuwe Waterweg, die vielbefahrene Ausfahrt aus dem Welthafen. Wir halten uns an die für Kleinfahrzeuge vorgeschriebe-ne Route, aber der Verkehr ist nicht sehr stark.
Zeebrügge
Stellendam und Roompotsluis sind unsere nächsten Stationen - jeweils mit Schleusen von der Nordsee abgetrennt und damit zum Binnenrevier gemacht. Besonders in Roompotsluis fällt uns der starke Gegensatz zwischen Binnen, der Oosterschelde, und Buten, der offenen Nordsee, auf. Der Hafen ist überfüllt, laut und wenig anziehend. Wir sind froh, auf dem Weg nach Zeebrügge wieder auf der Nordsee zu sein. Hier ersetzt der weite Horizont das wuselige Getümmel, auch das Wetter spielt mit. Die Tide erweist sich als richtig berechnet. Wir freuen uns über „Geschwindigkeits-Geschenke“ und einen passenden Wind.

Der vielbefahrene Hafen von Zeebrügge ist Neuland für uns. Wir melden uns über Funk an, beachten das in Belgien übliche Einfahrtsignal am Turm und staunen dann über die riesigen Dimensionen des Hafens. Zwischen Containerterminal und Fähranleger führt unser Weg zum Yachthafen mit ebenfalls stattlicher Größe. Wir machen an einem Meldesteiger fest, suchen den Hafenmeister, aber der hat schon Feierabend. Alles macht einen entspannten Eindruck. Wir finden am Steg auch einen Stromanschluss und widmen uns der Küche. Tortellini mit Gurkensalat steht für heute auf dem Speisezettel.

Von drei Ausnahmen abgesehen versorgt Gudrun die Crew täglich mit vorzüglichen Gerichten. Ob Pfannekuchen oder Gemüsepfanne, Schnitzel mit Bratkartoffeln oder chinesiches Geschnetzeltes - wir lieben die Bordküche und die abendliche Zeremonie: Zum Kochen schon mal ein Bierchen, die Kinder haben Freizeit, und dann wird gemeinsam im Cockpit unter der Kuchenbude gespeist. Mit herrlichem Rundumblick und ziemlich unabhängig vom Wetter. Neben diesem ausgeprägten Bordleben machen die eingelagerten Getränke und Vorräte einen solchen Törn von fünf Wochen für die Familiencrew erst bezahlbar.

Der nächste Tag gehört als Besichtigungsprogramm der alten Stadt Brügge. Der Weg dorthin ist mit zwei Straßenbahnen nicht schwer. Und er lohnt sich. Stadtrundfahrt und individueller Bummel zwischen alten und neuen Plätzen, Giebelhäusern und Kirchen kommen gut an und erfüllen unseren Wunsch, den Kindern durchaus mehr als Meer zu zeigen.

Vorbei an den belgischen Seebädern mit ihren wenig charmanten Hochhaus-Silhouetten geht es Richtung Südwesten.
Nieuwpoort
Kurs Nieuwpoort liegt an, und das Wetter spielt wieder mit. Vor der Hafeneinfahrt herrscht reges Segeln - ein ideales Revier ohne Tücken liegt hier direkt vor der Haustür. Wir finden einen Liegeplatz beim Königlichen Yachtclub Nieuwpoort, erkunden ein beschauliches Städtchen, in dem ein vorzüglich sortierter Fischhändler auch am Sonntagnachmittag frische Köstlichkeiten verkauft. Die Bordküche wird bereichert, die Stimmung ist prächtig.

Navigatorisch fordert der nächste Tag etwas mehr Aufmerksamkeit. Hier sind Tonnen sauber zu beachten, denn wir fahren bei Niedrigwasser recht dicht an den flämischen Bänken herum. Die unsichtbare Grenze zu Frankreich haben wir bei De Panne passiert, die Gastlandflagge ist getauscht, und nun weht zum ersten Mal Frankreiches Trikolore unter SEESTERNs Steuerbordsaling. In Dunkerque dominiert fast wie in Zeebrügge die Großschifffahrt die Hafeneinfahrt. Als wir uns melden, stehen die Signale erst einmal auf Rot, weil ein großer Frachter ausläuft. Ohne Schleuse geht es dann in den „Yachtclub de la mer du Nord“, wo wir einen guten Liegeplatz finden. Wieder heißt es am nächsten Tag bummeln und besichtigen, in diesem Fall eine Provinzstadt, die viel vor hat. Das Hafenviertel wird neu gestaltet, die Einkaufsmeile zeigt sich schon in modernisiertem Gewand.
Enttäuschung bei Oliver: Wo sind hier die geliebten Burger? Schließlich werden wir doch noch fündig - aber in einer wunderbar landestypischen Variante. Frisch gebackene Brötchenhälften werden liebevoll mit provencalischen Zutaten und einer Frikadelle angereichert. Voila, wir sind in Frankreich!

Als wir mit Blick auf unseren Zeitplan gleich am übernächsten Tag die Leinen lösen, haben wir unsere Planung offensichtlich ohne den Wettergott gemacht.
Nebel vor Dunkerque
Lausige Sicht empfängt uns, als wir um 8.00 Uhr auslaufen. Wir sind nicht allein, aber die Yachten tauchen aus dem Dunst auf, verschwinden aber auch wieder darin. Kein Problem die Tonnenreihe zur Dunkerque Approach zu finden, aber die Sicht nimmt eher ab als zu. Mit unserem GPS kommen wir der großen Ansteuerungstonne DKA immer näher. Nur: Wo ist sie? Vier Augenpaare sind in höchster Alarmbereitschaft. Schließlich taucht der Kaventsmann von Tonne nur rund 30 Meter aus dem inzwischen pottendicken Nebel auf. Und so durch das Verkehrstrennungsgebiet? Über den belebten Ärmelkanal bis Dover?

Wir rufen die Coast Guard in Dover über UKW an. Dort soll die Sicht besser sein, aber man verweist uns an die Revierzentrale von Calais. Von Calais aus werden wir vom Radar erfasst, aber mehr kann man dort auch nicht tun. Ein individuelles Führen durch das Trennungsgebiet ist nicht drin - den Wunsch hätten sicher noch mehrere Yachten an diesem Mittag. So bleibt uns nur der Rückweg, denn eine Weiterfahrt käme uns vor wie russisches Roulette. Aber was wir zuvor mit komfortabel mitlaufender Tide stolz geeilt hatten, mussten wir nun gegen dieselbe Strömung gegenan. Rückzug also mit drei Knoten. Aber der Ausweg Calais schien uns noch weniger komfortabel, denn erstens war hier der Schiffsverkehr dichter und im Nebel schwer einschätzbar. Andererseits liegt dort der Yachthafen hinter einer Schleuse, die nur zu Hochwasser öffnet. Wir wären also in unserer Startzeit allzu sehr festgelegt gewesen. Nach manch mulmiger Begegnung im Nebel kommen wir am Nachmittag wieder in Dunkerque an, bleiben zwei weitere Tage, brechen noch einen Versuch bei ähnlichen Sichtverhältnissen ab und hören wenig begeistert im Wetterbericht von strichweisen „fog patches“. Ob der Weihnachtsmann nicht ein Radar bringen kann?

Am 7. August reicht die Sicht auch so. Leichter Wind und eine gute Meile Sicht - das sind die Rahmenbedingungen für unsere erste Kanalquerung. Der Schiffsverkehr hält sich sehr in Grenzen. Wir bemühen uns um "rechtwinkliges Queren“, haben zuvor die Route genau festgelegt. Wegen der Hafentage in Dunkerque geben wir Dover auf und nehmen Ramsgate als Ziel. Der Weg dorthin ist mit 50 Meilen auch nicht weiter. Der Tag endet mit traumhaftem Leichtwindsegeln bis direkt unter die Stadt an der Steilküste. An Tonne sechs nehmen wir die Segel weg, melden uns über Funk und dürfen direkt einfahren. Schnell noch tanken (die Themse naht), und dann feiern wir die Ankunft in England mit einem zünftigen Bier.

Von Ramsgate aus teilen wir den Weg nach London durch einen Zwischenstopp in Queenborough an der Mündung des Themse-Nebenflusses Medway. Wir segeln an der Kreidefelsen-Küste entlang, passieren ein Regattafeld und schließlich den Leuchtturm North Foreland, der den Themse-Trichter westlich begrenzt. Für heute haben wir uns gegen die kürzere Route über den „Horse-Channel“ entschieden, weil wir nahe Niedrigwasser doch einen respektvolleren Abstand zu den beeindruckenden Untiefen bevorzugen. So orientieren wir uns am Fahrwasser des Queen's Channel und treffen mitten in der äußeren Themsemündung auf die Sand Towers.
Kreidefelsküste bei North Foreland
Die Flak-Türme stammen aus dem Zweiten Weltkrieg und sind mit einer Glockentonne markiert. Im leicht dunstigen Gegenlicht verstärkt die Glocke die leicht morbide Grundstimmung. Kurz vor dem Medway dann noch ein maritimes Denkmal aus Kriegszeiten. Hier liegt, sicher betonnt und als Sperrgebiet ausgewiesen, das Wrack der Montgomery. Auch dies ein bemerkenswerter Eindruck am Wegesrand!

Das Bojenfeld in Queenborough bietet keine Schwierigkeiten. Hier verbringen wir eine ruhige Nacht, bevor der Hafenmeister am nächsten Morgen seine acht Pfund kassiert und die SEESTERN-Crew sich auf den Weg nach London macht. Eine Stunde vor Niedrigwasser wollen wir bei den ersten „Sea Reach“ Tonnen sein. Von dort aus sind es gut 40 Meilen bis zur Tower Bridge. Der leichte Gegenstrom lässt bald nach, der Wind allerdings auch. Um mit Hochwasser an der Schleuse des Zielhafens anzukommen, nehmen wir die Maschine zu Hilfe, können aber immer wieder Teilstrecken segeln. Den Verkehr der Großschifffahrt hatten wir uns gewaltiger vorgestellt: Weniger als zehn Frachter und Tanker überholen uns oder kreuzen unseren Weg.
Vor dem „Thamse Tidal Barrier“ melden wir uns wie gefordert an und bekommen erwartungsgemäß die Anweisung zwischen den grünen Pfeilen durchzufahren. Hier baut sich eine gewaltige Schauerwand auf. Wir bergen das Segel, kramen unser Ölzeug hervor und nehmen die Dusche geduldig hin. Kurz nach Greenwich ist der Spuk vorbei, wird die Sicht wieder besser. Amüsiert stellen wir fest, dass wir durch den Regen das „feierliche“ Überqueren des Nullmeridians verpasst haben. Jetzt geht's eben weiter mit westlicher Länge!

Inzwischen säumen Hochhäuser statt Industrieanlagen die Themse. Gespannt beobachten wir Biegung um Biegung, und dann liegt sie in voller Pracht vor uns: die Tower Bridge, das Ziel unseres Törns.
Geschafft: Seestern vor der Tower Bridge
Wir haben es geschafft! Sogar die Zeitplanung hatte ganz offensichtlich Reserven, denn die Schleuse öffnet erst eine knappe Stunde später. Wir waren nicht sicher gewesen, während der Arbeitszeit der Schleuse anzukommen und hatten schon gedacht, eine Nacht an den Wartebojen vor dem Hafen verbringen zu müssen. Doch das stellt sich jetzt als unnötig heraus. Pünktlich kurz vor Hochwasser öffnet sich das Schleusentor, und wir dürfen in das Becken von St. Katherine's Dock einfahren. Die Abwicklung erweist sich als höchst professionell: Am Ende des Schleusengangs haben wir einen Skizze mit unserem Liegeplatz sowie den Schlüssel zu den Sanitärgebäuden. Eine halbe Stunde später liegen wir im östlichen Becken fest, und können für zwei Wochen die britische Hauptstadt vom eigenen Boot aus genießen.

Eine ausführliche Schilderung würde hier den Rahmen des Reiseberichts sprengen. Doch so viel sei verraten: Wir alle waren begeistert von London, der pulsierenden Metropole mit ihrem schier unerschöpflichen Reichtum an Angeboten. Ob „shopping“ auf der Oxford Street oder die Besichtigung der Staatsräume im Buckingham Palace, ob Bummel über die Flohmärkte der Portobello Road oder die beschauliche Ruhe der Parks mitten in der Innenstadt - wir haben London in uns aufgesogen und am 21. August auch den 50. Geburtstag des Skippers in einem würdigen Rahmen gefeiert. Bemerkenswert fanden wir im öffentlichen Erscheinungsbild die enorm verbesserte Sauberkeit auf Straßen und Plätzen, die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen und vor allem die auffallende Kreativität in einem Stadtbild, in dem sich Tradition und Moderne ohne Probleme und auf kürzeste Distanz mischen. Zwischen dem Kuppelbau von St. Paul's und der Tate Modern liegt eben nur die Breite der Themse, und die wird überbrückt durch die noch junge Millenium Bridge.

Nach täglichen Wanderungen durch London von „unserer“ U-Bahn-Station Tower Hill aus freuten wir uns aber auch auf die Ruhephasen auf der SEESTERN.
Zwei Wochen London
Die Idee, mit der eigenen Koje ein Stückchen private Umgebung mit in die Metropole nehmen zu können, war nicht nur eine preisgünstige Lösung, sondern auch ein willkommener Kontrast. Gerade die Kinder genossen das Lesen oder Musikhören in ihren Kajüten oder auch individuelle Kurzausflüge im Hafenbereich. Mit dem Liegeplatz St. Katherine's Haven waren wir sehr zufrieden: Der Preis von rund 33 Euro für ein Zehn-Meter-Schiff ist angesichts der zentralen Lage durchaus angemessen und mit anderen Unterbringungsmöglichkeiten für eine vierköpfige Familie nicht zu vergleichen.

Nach vielen begeisternden Eindrücken fiel der Abschied am 24. August durchaus schwer. Wir hatten den Termin nach der Tide gewählt, die für diesen Tag das Hochwasser um kurz nach acht Uhr vorsah. So öffneten sich pünktlich um acht Uhr die Schleusentore für die SEESTERN, und wir begannen - zunächst unter Motor, nach dem Fluttor dann unter Segeln - unsere Rückfahrt die Themse hinunter.

Anders als bei der Hinfahrt wehte ein frischer Wind aus Südwest, der uns im Verein mit der Tide eine flotte Fahrt bescherte.
Mit 10 Knoten die Themse abwärts
Rekord waren gute zehn Knoten nach der Queen Elisabeth II-Bridge. Steuerfrau Gudrun jubelte, die gesamte Crew freute sich.

Die Fahrt macht allen Spaß: Die industriellen Hafenanlagen ziehen zügig vorbei, später wird der Flusslauf breiter. Etwa eine Stunde bevor wir den Medway erreichen, nimmt der Wind um eine gute Stärke zu. Der Windmesser pendelt zwischen 26 und 28 Knoten. Das Reff im Groß macht sich positiv bemerkbar, wir rollen die Genua ein wenig weg. Da wir exakt bei Niedrigwasser am Medway ankommen, halten wir nicht direkten Kurs in die Einmündung, denn hier gefallen uns die Wassertiefen der Karte nicht. Wir nehmen einen kleinen Umweg in Kauf, runden das Wrack der Montgomery und kommen über das betonnte Fahrwasser auf Queenborough zu. Das vom Hinweg schon bekannte Bojenfeld bietet bei rund sechs Windstärken aus Südwest doch ein paar Schwierigkeiten. Erst im dritten Anlauf gelingt es Oliver und Gudrun, die Boje zu fassen. Der Bootshaken blockiert zunächst die Öse für den Festmacher, aber mit vereinten Kräften lässt sich das alles regeln. Sogar an die ziemlich deftigen Schiffsbewegungen gewöhnen wir uns.

Am nächsten Morgen werden wir wach, und das Schiff bewegt sich nicht mehr! Auf-gelaufen? Sicher nicht, aber der Starkwind hat sich vollständig gelegt, ist über Nacht abgeflaut. Jetzt, gegen Morgen, kommt gerade wieder eine erste Brise. Wir früh-stücken schnell und bereiten den Start vor. Der auf das Handy gelieferte Wetter-bericht von „Wetterwelt“ verspricht wieder viel Wind - mehr als die Beobachtung erwarten lässt. Als wir nach dem Ablegen unter Segeln schon ein gutes Stück aus dem Medway herausgelaufen sind, höre ich um 10.00 Uhr den Funk-Wetterbericht der Coast Guard. Sie warnt vor Starkwind und Schauerböen mit heftigen Gewittern im Bereich North Foreland. Na denn, Prost Mahlzeit, da müssen wir auf dem Weg nach Ramsgate vorbei.

Zunächst einmal genießen wir ein schönes Segeln und stellen fest, dass der auf der Hinfahrt gescheute landnähere Weg völlig problemlos ist. Nach und nach bilden sich über Land dicke Quellwolken, die aber eine für uns günstige Richtung nehmen.
Am Leuchtturm North Foreland luven wir an und freuen uns über den schnellen Halbwindkurs bis Ramsgate. SEESTERN läuft bestens. Wir passieren die Küste der Kreidefelsen und erreichen Ramsgate, wo wir ohne Verzögerung einlaufen dürfen. Am Liegeplatz halten wir uns nicht lange mit Spaziergängen auf, sondern ziehen die Kuchenbude über unser Cockpit. Eine gute Entscheidung, denn keine dreiviertel Stunde ist vergangen, als gigantische Wolken die Sonne verdrängen und ein kräftiges Gewitter - merkwürdigerweise ohne extreme Schauerböen - niedergeht. Wir sind froh, rechtzeitig den Hafen erreicht zu haben.

Nun fehlt der Reise nur noch der Abschluss nach Belgien. Wir hatten schon in London entschieden, Dunkerque auf der Rückreise auszulassen und direkt Nieuwpoort anzulaufen. Dort wollen wir dann mit einer Crew von Freunden aus Münster die SEESTERN gegen unseren Bulli tauschen. Aber: Wird das alles morgen möglich sein? Der Wetterbericht beginnt mit den wenig charmanten Worten „Starkwind oder Sturm in allen Vorhersagegebieten“!

Über Deutschlandradio hören wir auch die Trends für die nächsten Tage, und die machen eine Pause auch nicht unbedingt sinnvoll. Also verschieben wir die Ent-scheidung auf den nächsten Morgen. Um 5.40 Uhr britischer Sommerzeit höre ich zwar noch die Aussicht auf Windstärke fünf bis sechs aus Südwest für den Ostteil des Englischen Kanals. Aber immerhin: Es werden keine Gewitter oder Schauerböen mehr erwartet. Und noch besser: Die Luft draußen ist klar, am Himmel schieben sich die Wolken immer mehr auseinander. Klarer Fall: Wir fahren. Zunächst baumen wir die Genua aus und sichern das einfach gereffte Groß auf Steuerbord. Als wir die Landabdeckung der englischen Steilküste verlieren, erweist sich das als zu viel, und ich nehme den Baum wieder weg. So können wir besser auf die Großschifffahrt reagieren, und bald auch die Genua einrollen. Die Fahrt bleibt trotzdem zügig. Die Wellengebirge von achtern flößen Respekt ein - Gudrun belässt es meist beim Blick nach vorn. Sie steuert ausgesprochen präzise unseren Kurs, den wir durch das Verkehrstrennungsgebiet abgesteckt haben. Zweimal nehmen wir die Fahrt heraus, um Abstand von großen Schiffen zu gewinnen. Ein wirkliches Problem stellt sich uns dabei nicht.

Die Kinder opfern Neptun - das einzige Mal in diesem Urlaub. Wir hoffen, dass dies mit den Jahren noch besser wird. Heute ist das Malheur bei Wellen von 1,5 bis 2 Meter von achtern kaum zu verhindern. Meine Angebote, feste oder flüssige Nahrung anzureichen, werden nur mit einem milden Lächeln quittiert. Gegen 15.30 Uhr erreichen wir die flämischen Bänke - zwar bei Niedrigwasser, aber immer noch mit ausreichender Tiefe unter dem Kiel. Die Kabbelei hält sich in Grenzen, und der Spaßfaktor nimmt zu: Von hier aus können wir für die letzte Stunde deutlich anluven. Der Vorwindkurs hat ein Ende, eine schnelle Fahrt krönt den Tag. Hier darf auch der Skipper mal wieder an's Ruder. Nach zehn Stunden und 59 Seemeilen laufen wir bei strahlendem Sonnenschein in Nieuwpoort ein. Der Törn ist vorbei, das wird uns schlagartig klar. Morgen wird aufgeklart zur Übergabe am Samstag, und am Montag geht zumindest für mich der Alltag weiter.

Gut 500 Seemeilen liegen im Kielwasser dieses Segelurlaubs. Aber für unser Fazit war es mehr als ein Törn: Auf eigenem Kiel mit der Familie nach London - das hat uns gereizt, angespornt und letztlich begeistert. Es waren, zusammengenommen, 14 schöne und sehr unterschiedliche Segeltage. Das Gezeitenrevier Nordsee reizt uns immer mehr. Aber es waren eben auch wunderschöne Landtage in Brügge, Dunkerque und vor allem natürlich in London.
Klar Schiff nach fünf schönen Wochen
Diese Mischung aus Land und See, aus vertrauter Bord-Umgebung und neuen Sehenswürdigkeiten macht für uns den ganz persönlichen Charme eines solchen Familienurlaubs aus. Momentan können wir uns keine andere Form des Urlaubs für uns vorstellen. Durchaus möglich, dass der Weihnachtsmann schon wieder neue Revierhandbücher im Gepäck hat . . .

Wolfgang Horn

 

 

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